Never let a good crisis go to waste

o.D. im Gespräch mit Prof. Sophie Wolfrum

o.D: Frau Professor Wolfrum, als Leiterin des Lehrstuhls für Städtebau und Regionalplanung an der technischen Universität München vernimmt man zur Zeit vermehrt ihre Stimme in Bezug auf die sogenannte Flüchtlingskrise, vor allem in Bezug auf die Unterbringung. Sie bieten seit mehreren Semestern Projektstudios an, die sich mit der Unterbringung von Asylbewerbern beschäftigt, sogar auf Spiegel-Online ist zuletzt ein Artikel zu dem Thema von Ihnen erschienen…

W: Unser erstes Projekt im Sommersemester 2015 fragte nach der Ankunft, den darauf folgenden Stufen, und – damit verbunden – der Unterbringung von Flüchtlingen in München. Da das Projekt sehr offen gestaltet wurde, waren auch die Ergebnisse in ihrer thematischen Fokussierung sehr unterschiedlich. So hat eine Gruppe mit Flüchtlingen „hands-on“ einen Workshop veranstaltet, in dem handwerkliche Ding wie Bänke, Regale oder Blumenkübel entstanden sind. Das ganze war sehr erfolgreich, obwohl natürlich die Wohnungsfrage dadurch nicht gelöst wurde. Aber endlich wurden die Asylbewerber mit einer Tätigkeit beschäftigt – Langeweile und Nichtstun ist ja eines der großen Probleme in den Unterkünften. 
Im Wintersemester wurde der Fokus ein wenig geändert: Was passiert schließlich mit dem Asylbewerber, der zum Migranten geworden ist, der also einen Aufenthaltsstatus erlangt hat? Da er im Regelfall die Gemeinschaftsunterkunft räumen muss, steht er vor der Aufgabe, auf dem Münchner Wohnungsmarkt Fuß zu fassen. Faktisch gibt es aber für die unteren Einkommensschichten keinen freien Wohnungsmarkt, was eben auch für den Migranten problematisch ist. Daher heißt das Thema „Einfach Wohnen“. Wir stellen die Frage, wie man an einem Standort sozial kompatibel, preiswert und dicht bauen kann und trotzdem in die Stadt sozial gut eingebunden ist. Das Ganze findet unter anderem als eine Kooperative mit der Stadt München statt.

Wir müssen völlig andere Wohnungen bauen.

o.D: Welches Interesse hat die Stadt an solchen Projekten?

W: Die Notunterbringung bekommt die Stadt irgendwie hin – manchmal besser, manchmal schlechter. Durch die akute Lage fehlt aber ein strategisches und fundamentales Nachdenken, wie sozial verträgliches Wohnen in der Stadt geschaffen werden kann.
Ein positives Beispiel für strategisches Handeln lässt sich derzeit in Hamburg beobachten. Durch eine Novelle im Baugesetzbuch ist es bis 2019 möglich, in Gewerbegebiete Flüchtlingsunterkünfte zu bauen. Daher geht die Stadt explizit in diese Gebiete, ändert bis 2019 nach und nach den Bebauungsplan, um schließlich die neue Nutzungsmischung zu festigen. 
Natürlich stellt sich die Frage, ob das jetzt eine Beschädigung des Gewerbegebietes und damit im Umkehrschluss auch ein misslicher Standort für Asylbewerber ist oder ist es eher der Einstieg in den Ausstieg der puren Gebietstrennung, wie sie in der Baunutzungsverordnung zu finden ist.
Obwohl die Politik langsam aufwacht, ist klar, dass wir als Hochschule nicht das ganze System mal schnell ändern können.

Ich finde es absolut notwendig, dass sich die Architekten mit dem Thema beschäftigen und einen notwendigen Innovationsschub mit befördern.

o.D: Der diesjährige deutsche Biennale-Beitrag „Making-Heimat“ in Venedig beschäftigt sich ebenso unteranderem mit der Unterbringung von Asylbewerbern. Können Architekten überhaupt einen Beitrag zur Flüchtlingslage leisten?

W: Ich würde wie immer sagen, dass wir Architekten gesellschaftliche Probleme nicht alleine lösen können – wir sind nur ein Teil der Gesellschaft. Aber natürlich ist die Architektur der Unterbringung eines der Probleme, die wir haben.
Der Containermarkt ist zur Zeit wirtschaftlich hochprofitabel und sorgt immerhin dafür, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf haben. Mit architektonischer Qualität hat das allerdings wenig zu tun: denn gerade der Flüchtling ist ja in unsere Gesellschaft noch nicht integriert und kann nicht einfach das Zuhause – was es vorübergehend ja darstellt – verlassen. Daher befinde ich es für absolut notwendig, dass sich die Architekten mit dem Thema beschäftigen und einen notwendigen Innovationsschub mit befördern. 
Und das findet ja tatsächlich bereits statt: Der BdA, der Werkbund, sowie einzelne Architekturbüros haben bereits viele Vorschläge gemacht. Tatsächlich glaube ich aber, dass es notwendig ist, dass dies aus der Breite heraus getragen wird. Genauso verstehe ich unsere Arbeit am Lehrstuhl – wir sind ein Stäubchen in der Galaxis, die sich aus vielen zusammen setzt.
o.D: Kann man also die derzeitige Situation nicht nur als unlösbares Problem, sondern auch als Chance sehen – als eine, die unsere verkrusteten Baugesetzte und die Politik im Allgemeinen ändern kann?

W: Es gibt ja den bekannten Spruch von Churchill: „Never let a good crisis go to waste“. Ich glaube schon, dass dadurch etwas in Bewegung kommt. Zudem sind die Entwicklungen – jetzt mal ganz sachlich und cool gesprochen – auch eine große Konjunkturspritze. Die Abwrackprämie vor ein paar Jahren war sicher nichts dagegen.
 Allerdings ist die Flüchtlingskrise, wie wir sie in Deutschland erleben, geradezu harmlos im Vergleich zu anderen Ländern, wie dem Libanon, Jordanien oder Kenia. Frau Merkels „Wir schaffen Das!“ kann ich nur zustimmen, dazu ist unsere Gesellschaft definitiv in der Lage. Dass man generell immer über das Eigene und das Fremde diskutiert, lässt sich aber wohl nie ganz vermeiden. 
In der Geschichte der Bundesrepublik gab es immer wieder Wellen von Migranten, die gut in unsere Gesellschaft integriert wurden. In München leben fast 40% Menschen mit ausländischen Wurzeln. Hier zeigt sich, dass die Stadt durchaus in diesem Sinne Politik macht und eine gelungene Integration bewältigen kann.

architekturondemand_wolfrum

o.D: Lassen sie uns nochmal einen Schritt zu den Asylbewerbern zurückgehen, die in Erstaufnahmeeinrichtungen oder Gemeinschaftsunterkünften leben. Wir haben versucht, diese Orte als heterotope Orte – im Sinne von Michel Foucault – zu betrachten.

W: Ja, das kann man so sagen. Bestimmte Funktionen werden in isolierte Territorien abgelegt, womit die Chance gegeben ist, sie aus dem Alltag auszublenden oder nur in bestimmten Situationen wieder einzublenden. Foucault spricht ja beispielsweise von Krankenhäusern oder Gefängnissen. Und auch eine Containersiedlung, selbst wenn sie nach 2 Jahren wieder wegkommt, lässt sich wohl als eine Heterotopie bezeichnen. Warum werden sonst Zäune um sie errichtet, auch wenn es immer heißt, dass damit nicht die Asylbewerber eingesperrt, sondern geschützt werden sollen. Wenn so eine Unterkunft vor den Bürgern geschützt werden muss, indem man eine Art Gefängniszaun drumherum zieht, ist das schon übel.

o.D: Michel Foucault hat mehrere Grundsätze festgelegt, die eine Heterotopie ausmachen. Und Sie haben gerade eigentlich nahezu alle in irgendeiner Form, bezogen auf das Asybewerberheim, beschrieben. Dass sie zum Beispiel im Laufe der Zeit umgedeutet werden oder dass sie ein merkwürdiges System von Öffnungen und Schließungen umgibt.
Uns liegt daher der Gedanke nahe, davon auszugehen, dass die Integration nur gelingen kann, wenn man es verhindern würde, Asylbewerberheime zu heterotopen Orten zu machen.

W: Ich glaube, das lässt sich wahrscheinlich aus praktischen Gründen nicht ganz vermeiden, was an der Schnelligkeit und der Dringlichkeit der Lösungsfindung liegt. Wenn man diese stigmatisieren Orte wirklich gänzlich vermeiden will, müssten die Asylbewerber komplett dezentral untergebracht werden. Aber wie soll das in einer Stadt wie München ohne Wohnungsleerstand funktionieren? Ich glaube auch nicht, dass es als Konsequenz richtig ist, sie auf Städte mit entsprechendem Leerstand zu verteilen. Es wäre sozial und gesellschaftlich nicht vertretbar, in einer Stadt wie zum Beispiel Plauen einfach mal 20 000 Menschen unterzubringen. Dann wäre ja plötzlich Plauen die Heterotopie. Ich glaube eher, dass man geduldig und systematisch an den Synapsen, mit denen die temporären Unterkünfte der Stadt verhakt sind, arbeiten muss. Und dass viel stärker auf Projektebene gearbeitet werden muss. Das  Grandhotel Cosmopolis in Augsburg und vielleicht bald Monaco di Bellevue sind da gute Beispiele. Sie können es schaffen, das System des Öffnen und Schließens vom Ausschließen zum Aufschließen zu machen. Und dabei können Architekten mit anpacken.

o.D: Haben Architekten endlich wieder eine Aufgabe?

W: Die Notwendigkeit, den Wohnungsbau zu verändern, ist definitiv eine große Aufgabe – Besonders weil der Wohnungsbau in München, obwohl er von gestern ist, immer noch vom Markt abgenommen wird. Diese Wohzimmer-Schlafzimmer-Kinderzimmer-Dinger brauchen aber heute die Wenigsten. Wir müssen völlig andere Wohnungen bauen. Dazu müssen wir als Architekten vielmehr Innovationen wagen. Aber auch von Seiten der Politik müssen Förderungen erfolgen – nicht zuletzt für bezahlbaren Wohnraum.

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